Sterben die Friedhöfe? Bestattungskultur im Wandel – Lokalradio NRW „Himmel und Erde" im Gespräch mit Gunther Hirschfelder

Engelsruhe auf dem Bonner Friedhof in Poppelsdorf (Foto: Joachim Gerhardt)

Bestattungskultur im Wandel: Sterben die Friedhöfe? Das ist eine Frage im Gespräch des Bonner Pressepfarrer und Journalisten Joachim Gerhardt mit dem bekannten Kulturwissenschaftler Gunther Hirschfelder. Am „Ewigkeitssonntag“ in der Sendung „Himmel und Erde“ auf den Lokalradios NRW:

 Anmoderation: Wer in diesen Tagen einen Gang über den Friedhof macht, der sieht frische Gestecke auf den Gräbern, hier und da einen Blumenstrauß, Kreuze und Grabsteine natürlich und auch viele Grablichter. So sieht sie aus – die deutsche Friedhofskultur, die sogar als immaterielles Kulturerbe anerkannt und geschützt ist. Das bedeutet aber nicht, dass auf dem Friedhof immer alles so bleibt, wie es ist – oder mal war …

Experte für Kultur und Leben: Prof. Dr. Gunther Hirschfelder (Foto. privat)

Gunther Hirschfelder: Der Friedhof ist ja ein Ort des Trauerns, ein Ort des Gedenkens, ein Ort, wo man ein bisschen zu sich kommt. Aber das Ganze ändert sich total. Wir verlieren gerade unsere Sterbe- und unsere Trauerkultur.

Joachim Gerhardt: sagt der Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Gunther Hirschfelder. Bundesweit gibt es etwa 32.000 Friedhöfe. In jeder Stadt und in fast jedem Dorf. Die Frage ist nur: Wie lange noch?

Gunther Hirschfelder: Noch vor einer Generation war die Beerdigungskultur ja ganz konservativ: alles in schwarz, der Sarg musste schick sein, eine große Feier. Und in kurzer Zeit haben wir große Teile davon verloren, wir haben mehr Urnenbestattungen, wir haben weniger Erdbestattungen und es gibt weniger Menschen, die Lust haben, die Gräber zu schmücken und zu pflegen.

Joachim Gerhardt: Inzwischen sind viele Flächen auf Friedhöfen frei. Manche sprechen schon vom Friedhofssterben …

Gunther Hirschfelder: Die Veränderung der Friedhofskultur ist auf der einen Seite ein logisches Resultat von dem generellen Traditionsverlust, und die Menschen sind eben viel mobiler. Wir ziehen aus den Dörfern weg in die Städte, wer soll sich da noch um die Friedhöfe kümmern? Auf der anderen Seite merken wir allmählich, dass wir einen Ort des Trauerns verlieren.

Engelsruhe auf dem Bonner Friedhof in Poppelsdorf (Foto: Joachim Gerhardt)

Joachim Gerhardt: Und das ist eine durchaus fragwürdige Entwicklung, sagt Gunther Hirschfelder. Aus kultureller, aber auch aus seelsorgerlicher und psychologischer Sicht.

Gunther Hirschfelder: Sterben ohne Trauer, ohne Gedenken ist kulturell eine schwierige Sache. Und ich glaube, erst wenn wir die Friedhöfe fast abgeschafft haben, merken wir, was wir verloren haben. Dann müssten wir eigentlich den guten alten Friedhof neu erfinden.

Joachim Gerhardt: Etwa ein Drittel der Friedhöfe in Deutschland wird von den Kirchen verwaltet. Auch sie müssen bei sinkenden Einnahmen überlegen, ob sie ihren Friedhof behalten. Gunther Hirschfelder ist absolut dafür:

Gunther Hirschfelder: Wir brauchen diese Orte eigentlich, aber sie verändern sich. Die Friedhöfe sind eben auch Parkanlagen. Und eigentlich ist doch diese Friedhofsfläche an den wunderbaren Orten eine Chance, einen öffentlichen Raum anders wahrzunehmen, als Nachdenkort über Natur, über Endlichkeit des Lebens, aber auch über die Chancen des Lebens.

Joachim Gerhardt für Himmel und Erde.    

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Der Beitrag ist zu hören am 26. November 2023 in der Sendung Himmel & Erde, dem Magazin der Kirchen immer sonntags und feiertags von 8.00 bis 9.00 Uhr auf Radio NRW / Redaktion: Manfred Rütten, Hier können Sie den Beitrag anhören: http://www.himmelunderdeonline.de

  • 21.11.2023
  • Red
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