Umweltschutz in den Ferien – Ein Praxisbericht

Müllsammeln in der Ferienbetreuung – wieso das? Was hat Müll mit Gerechtigkeit zu tun?

Ein Praxisbericht: Für das Ferienprogramm in der Apostelkirchengemeinde sollte an einem Tag das Thema Umweltschutz im Fokus stehen. Die Theologische Mitarbeiterin der Gemeinde Christina Janßen-Karisch fragte bei Annika Bohlen (Projektmanagerin für Klimagerechtigkeit im Kirchenkreis Bonn) nach Unterstützung. Diese organisierte zwei externe Bildungsreferent*innen, die einen Tag mit den Kindern zwischen 8 und 12 Jahren zum Thema Müll und Umwelt gestalteten und mit den Kindern auf die Spuren der Frage gehen: Wieso ist Müll in der Natur schlecht und damit auch schlecht für uns Menschen?

 

Müll, der gesammelt wurde inklusive eines Fahrrads
Gesammelter Müll, Foto: Christina Janßen-Karisch

An einem sonnigen Mittwoch im Oktober fand mit den 15 Kindern eine 2-stündige Müllsammelaktion statt. Unterstützt mit Ausrüstung von BonnOrange zogen mehrere Gruppen los und sammelten einige Säcke mit Müll. Diese wurden in die Kategorien wiederverwertbar/recycelbar, sowie Restmüll unterteilt und in getrennte Müllsäcke in der Umgebung der Gemeinde gesammelt. Neben viel Verpackungsmüll, Zigarettenstummeln, Kaugummis und Plastikflaschen, konnten auch Schätze wie ein Fahrrad inklusive Helm gefunden werden.

 

Über die Müllsammelaktion und gemeinsames Mülltrennen hinaus, wurde den Kindern spielerisch vermittelt, wie lange unterschiedliche Produkte die Umwelt belasten (z.B.: Plastikflasche: 250 Jahre, Kaugummi: 5 Jahre usw.). Thematisiert wurden wichtige Grundsätze über Nachhaltigkeit und Naturschutz und die damit verbundenen globalen Zusammenhänge. Es stellten sich Fragen wie: Woher kommen unsere Rohstoffe/Produkte? Wohin geht der Müll nachdem die Müllabfuhr ihn abgeholt hat? Auch die Herausforderung, dass in Deutschland nicht aller Müll recycelt werden kann, wurde diskutiert.

ausgemalte Bilder von einer Stadt
Ausgemalte Bilder der Stadtwerke, Foto: Yaw Pajonk

„Wir stellten fest, dass Müllsammeln zwar sehr wichtig ist, aber auch frustrierend sein kann, wenn darauf umweltschädliche Schritte, wie z.B. Verbrennen oder Export in andere Länder folgen“, berichteten die Bildungsreferent*innen Judith Alice Harder und Yaw Pajonk im Nachgang.

Annika Bohlen (Kirchenkreis Bonn) begleitete die Gruppen beim Müllsammeln und stellte fest: „Die Kinder waren ganz euphorisch, wenn sie Müll gefunden haben, der in unserem System verwertet wird, z.B. Pfandflaschen. Die Feststellung, dass Mülltrennung nicht immer gut möglich ist, da viele Produkte aus vielen unterschiedlichen Materialien bestehen, drückte dann ein wenig die Stimmung.“

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In der Nachbereitung wurde deutlich, dass es wie immer eigentlich mehr Zeit braucht für Umweltthemen. Was Müll mit Gerechtigkeit zu tun hat, konnte wie oben beschrieben nur am Rande angeschnitten werden. Dieser Bericht möchte Euch und Ihnen nun noch etwas Kontext mit auf den Weg geben für das nächste Gespräch beim Spaziergang am mülligen Rheinufer oder an der Mülltonne mit den Nachbar*innen.

Umweltschutz und damit Umweltgerechtigkeit gehen einher mit (neo-)kolonialen Ausbeutungsverhältnisse: Wieso das?

Umweltgerechtigkeit und Ungerechtigkeit oder auch Umweltrassismus beschreibt die Tatsache, dass sowohl global als auch lokal indigene, Schwarze und Menschen of color* stärker von schädlichen Umweltbelastungen betroffen sind.

Schauen wir genauer hin: Welche Communities/Gemeinschaften leben in Bonn neben Müllverbrennungsanlagen und Kläranlage oder in Stadtteilen mit weniger Zugang zu Natur, Erholung und grün? Im Bonner Norden befinden sich viele Sozialwohnungen und die Menschen, die durch die Autobahn A565 schon belastet sind, müssen bald noch die Klärschlamm-LKWs ertragen.

Wohin gehen die Müllexporte aus Deutschland? Neben den Niederlanden sind es vor allem Malaysia, Türkei, Indonesien und Polen . Die europäischen Müllexporte gipfeln in den größten Elektromüllkippen der Welt in Ghana.

Doch sind wir Privatpersonen Schuld an dem systematischen Verschiffen von Müll und der Umweltungerechtigkeit?

Zu einem Teil: Klar, solange wir das System nicht hinterfragen, kritisieren und versuchen zu verändern.

Doch: Viele Ungerechtigkeiten werden geschaffen z.B. durch Konzerne, die gezielt Menschen unterdrücken, bedrohen und töten, um ihren Müll oder Umweltverschmutzung voranzutreiben.

Erinnern heißt verändern. Ein wichtiges historisches Ereignis jährte sich zuletzt am 10.11.  zum 30. Mal: Die Tötung der Ogoni9 im Auftrag von Shell.

Die Ogoni9 waren bedeutende Menschenrechts- und Umweltaktivist*innen in Nigeria, die sich in den 90er Jahren gegen die Verschmutzung des Nigerdeltas und ihrer Lebensgrundlage durch Ölförderung eingesetzt haben. Die Widerstandsgruppe organisierte Proteste mit über 300.000 Leuten.  Mit der Tötung der Ogoni9 sollte die Protestbewegung verunsichert werden. Doch der Kampf um Gerechtigkeit und sauberes Wasser und die Nutzung der eigenen Ressourcen (die im Zuge von kolonialen Expeditionen „erschlossen“ wurden) dauert bis heute an. Ein aktueller DW-Artikel beleuchtet die Geschichte genauer.

Die Bildungsreferent*innen und Annika Bohlen halten fest: „Es ist wichtig, die Geschichten der betroffenen Communities von Umweltverschmutzung- und zerstörung zu hören. Menschen in Deutschland, denen Gerechtigkeit und die Umwelt wichtig ist, können Menschen an den Frontlinien die Hand reichen, egal ob in Ogoniland, in Nigeria, in Ghana, in Indonesien oder in der Diaspora in Deutschland, Europa.  Es gilt praktisch und solidarisch die Kämpfe zu unterstützen und für nachhaltige Lösungen einzustehen, die nicht auf der Gesundheit und dem Leben von anderen Menschen lasten.“

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Die Kontakte zu den Referent*innen Judith Alice Harder und Yaw Pajonk für Jugend- oder auch Erwachsenen-Bildungsveranstaltungen in anderen Gemeinden können bei annika.bohlen@ekir.de angefragt werden.

 

24.11.2026 A. Bohlen