Wort zum Sonntag: Fenster zum Himmel

Musik berührt. Auch und besonders im Gottesdienst. Die christliche Gemeinde war von Anfang an eine singende Gemeinde. Das hat sie unterschieden vom Tempeldienst und Opferkult antiker Religionen und das hat Ausstrahlungskraft bis heute.

Singen beseelt: Offenes Singen zur Bonner Kirchennacht in der Kreuzkirche (Foto: Meike Böschemeyer / BKN)

„Die besten Güter sind unsre Gemüter“ und „dankbare Lieder“, schrieb Paul Gerhardt, einer der beliebtesten Dichter evangelischer Kirchenlieder, der in dieser Woche vor 350 Jahren gestorben ist. Musik verbindet für ihn Himmel und Erde und wirkt wie Weihrauch. Wichtig gerade im protestantischen Gottesdienst, der ja bewusst auf das heilige Räucherwerk verzichtet.

Musik tut der Seele gut. Auch ich spüre das von Johann Sebastian Bach über Gospel bis zum modernen Liedgut. Und eben bei so bekannten Paul Gerhardt-Liedern wie „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, „Nun ruhen alle Wälder“ oder „Befiehl du deine Wege“. Längst haben sie auch im katholischen Gottesdienst Heimat gefunden.

Paul Gerhardt, einer der großen evangelischen Lieddichter und Poet bis heute (Foto: Wikicomons/Klupp91)

Schon zu Paul Gerhardts Zeiten waren seine Lieder Volksmusik, heute würde man sagen Popsongs. Doch nicht leicht, sondern mit Gewicht. Weil sie ein Gegenwicht waren gegen Elend und Tod in der Welt. Vier von fünf Kindern, die Gerhardt mit seiner Frau Anna hatte, starben früh. Der Dreißigjährige Krieg, die grassierende Pest und der heftige Konfessionsstreit seiner Zeit – all das klingt an in seinen Liedern.

Und doch öffnen sie ein Fenster zum Himmel. Tröstlich, poetisch und kunstvoll zugleich. So ergeben die Anfangswörter der zwölf Strophen von „Befiehl du deine Wege“ den Satz: „Befiehl dem Herren dein Weg und hoff auf ihn, er wird’s wohl machen.“ Gottvertrauen und Hoffnung in schwerer Zeit. Wie gut tut es, sie auch heute zu singen.
Joachim Gerhardt

Kölnische/Bonner Rundschau

Geistlicher Impuls

Joachim Gerhardt, Pfarrer an der Bonner Lutherkirche und Pressepfarrer des Kirchenkreises Bonn, schreibt alle drei Wochen das „Wort zum Sonntag“ in der Gesamtausgabe der Kölnischen/Bonner Rundschau, auf Seite 4 in der der großen Tageszeitung in der Köln-/Bonner Region. Hier erfahren Sie mehr: www.rundschau-online.de


(Text erscheint am 30.05.2026)